Positionspapier „Perspektiven des informellen Sports“
Informeller Sport eröffnet neue Zugänge zu Bewegung, Teilhabe und Sozialer Arbeit und gewinnt zunehmend an fachlicher und gesellschaftlicher Bedeutung. Das Positionspapier bündelt Perspektiven aus Wissenschaft und Praxis und gibt Impulse für die Weiterentwicklung des Feldes.
Die Deutsche Vereinigung für Sportwissenschaft e.V. (dvs) hat in Zusammenarbeit mit der Interessenvertretung des informellen Sports in Deutschland (idísid), dem Forschungsverbund Kinder- und Jugendsport NRW und der Fachgruppe „Bewegung, Sport und Körper“ der Deutschen Gesellschaft für Soziale Arbeit (DGSA) ein Positionspapier zu den Perspektiven des informellen Sports in Deutschland veröffentlicht.
Um einerseits mehr über die Genese und Zielsetzungen des Positionspapieres zu erfahren, und andererseits die zentralen Schnittstellen zum Themenfeld Soziale Arbeit mit Sport und Bewegung zu beleuchten, haben wir mit Dr. Christian Hübner (Universität Bielefeld) und Prof. Dr. Christian Peters (Hochschule Düsseldorf) gesprochen. Beide gehören der achtköpfigen Arbeitsgruppe an, die das Positionspapier verfasst hat.
Das Interview führte Daniel Kirchhammer von MOBILEE.
Zentrales Anliegen des Positionspapieres ist es, die Bedeutung des informellen Sports für eine bewegungsaktive Gesellschaft darzulegen. Hierzu wird
a) beschrieben, was im sportwissenschaftlichen Diskurs unter informellem Sport verstanden wird,
b) der aktuelle Forschungsstand zusammengefasst und die Themenrelevanz im universitären Kontext bewertet sowie
c) sein Potenzial in unterschiedlichen Feldern gesellschaftlichen Lebens – u.a. für die Soziale Arbeit und das Gesundheitssystem – aufgezeigt.
Den Ausführungen folgen zehn Empfehlungen für (sport-)politische Entscheidungsträger:innen.
Zum Positionspapier „Perspektiven des informellen Sports“
Aus eigener Erfahrung weiß ich, dass einem solchen Positionspapier in der Regel ein längerer Prozess vorausgeht. Wie war das bei euch? Könnt ihr zum Einstieg die Entstehungsgeschichte des Positionspapieres skizzieren?
Christian Hübner: Im Rahmen meiner Promotion – zunächst als Nebenprojekt geplant, das dann zunehmend größer wurde – habe ich einen älteren Ansatz meines Doktorvaters Eckart Balz aufgegriffen. In einem 2004 herausgegebenen Sammelband zum informellen Sport hatte er formuliert, dass informeller Sport zwar eigene Qualitäten aufweist, informell Sporttreibende jedoch zu den wenigen Gruppen gehören, die politisch über keinerlei Lobby verfügen.
Von 2004 bis in die frühen 2020er-Jahre hatte sich in dieser Hinsicht wenig verändert. Deshalb haben wir beschlossen, diesen Gedanken erneut aufzugreifen und ein Unterstützungsformat für informell Sporttreibende zu entwickeln. Zunächst stand die Idee im Raum, einen Verein zu gründen. Das hätte jedoch bedeutet, etwas Informelles zu formalisieren – und das erschien uns widersprüchlich. Stattdessen haben wir an der Universität Wuppertal eine Koordinierungsstelle gegründet: idísid – die Interessenvertretung des informellen Sports in Deutschland. Unser Ansatz war es, nicht als wohlmeinende Ratgeber aufzutreten, sondern im Austausch mit engagierten informell Sporttreibenden – sowohl an der Universität als auch darüber hinaus – gemeinsam zu überlegen, wie informeller Sport unterstützt werden kann.
Dabei haben wir drei Ebenen definiert. Erstens die Forschungsebene: Wir möchten die Forschung zum informellen Sport stärken, Tagungen initiieren und Arbeitsgruppen bilden, um das Thema stärker in den wissenschaftlichen Diskurs einzubringen. Zweitens die Praxisebene: Wir schaffen konkrete Angebote oder machen bestehende bekannter, beispielsweise Raumangebote für informell Sporttreibende. So haben wir im vergangenen und im aktuellen Winter einmal wöchentlich eine Sporthalle geöffnet – inhaltlich komplett frei nutzbar. Innerhalb der geltenden Hallenordnung und Sicherheitsbestimmungen können die Teilnehmenden dort selbstorganisiert und sportartübergreifend aktiv sein. Und drittens die Vernetzungsebene: Wir fördern den Dialog zwischen informell Sporttreibenden und relevanten Akteurinnen und Akteuren, etwa der Sportverwaltung oder dem organisierten Sport.
Im Zuge dieser Arbeit konnten wir über die Deutsche Vereinigung für Sportwissenschaft (dvs) einen interdisziplinären Expert:innen-Workshop in Wuppertal ausrichten. Dort haben wir umfassende Fachexpertise zum informellen Sport gebündelt – es war eine sehr gewinnbringende Tagung mit Impulsen aus unterschiedlichen Bereichen der Sportwissenschaft. Um die Ergebnisse nachhaltig zu sichern, haben wir sie in einem dvs-Positionspapier zusammengeführt. In einer achtköpfigen Arbeitsgruppe haben wir die Inhalte geschärft und gemeinsam mit den Sektionen und Kommissionen der Sportwissenschaft weiterentwickelt, so dass die dvs das Papier offiziell mitträgt. Dabei wurden wir von engagierten und sehr konstruktiven Unterstützerinnen und Unterstützern begleitet – unter anderem aus der professionellen Sozialen Arbeit sowie aus dem Bereich des Kinder- und Jugendsports –, die ihre Expertise eingebracht haben.
Letztendlich zeichnet sich ein achtköpfiges Autor:innen-Team maßgeblich für den Inhalt des Positionspapieres verantwortlich. Wie ist diese Arbeitsgruppe entstanden?
Christian Peters: Dazu kann Christian (Hübner) wahrscheinlich mehr sagen. Nach meiner Erinnerung war es so, dass ihr im Anschluss an eines der letzten Treffen – ich meine im Kontext von idísid oder nach einem der Workshops in Wuppertal – einfach gefragt habt, wer an der Weiterarbeit interessiert wäre. Und dann haben sich diejenigen gemeldet, die mitwirken wollten.
Foto: Vanessa Neise - 6. Symposion Sportpädagogik HSD
Christian Hübner: Ja, wobei es für viele auch eine Abwägungsfrage war. Die Mitarbeit in der Arbeitsgruppe setzte eine gewisse Regelmäßigkeit voraus und war durchaus zeitintensiv. Einige Personen haben sehr wertvolle Impulse eingebracht, sich dann aber bewusst dagegen entschieden, als Autor:innen in der Arbeitsgruppe mitzuwirken. Sie wollten das Projekt gern auf andere Weise unterstützen. Vor diesem Hintergrund finde ich es ausgesprochen stark, dass wir am Ende acht Personen hatten, die kontinuierlich dabeigeblieben sind.
Christian Hübner hat gerade seinen Zugang zum Thema informeller Sport beschrieben. Wie bis du dazu gekommen?
Christian Peters: Für mich persönlich gilt: Ich habe in Köln Sportwissenschaft und Geographie studiert und mich in meiner Diplomarbeit mit geographischen Perspektiven auf Sport beschäftigt. Relativ schnell habe ich festgestellt, dass es im deutschsprachigen Raum nur wenig Forschung gibt, die Sport als räumliche Praxis in den Blick nimmt. Das erschien mir jedoch sehr spannend. Im Rahmen meiner Promotion habe ich mich dann zunächst mit unterschiedlichen Räumen beschäftigt – etwa mit Stadien als Untersuchungsräumen, aber auch mit Stadtmarathons und anderen Events. Letztlich bin ich beim Skateboarding gelandet (Peters 2018). Skateboarding ist – würde ich sagen – inzwischen eine besonders intensiv untersuchte informelle Bewegungskultur im urbanen Raum. Es gibt aus sport- und kulturwissenschaftlicher Perspektive dazu mittlerweile zahlreiche Arbeiten. Und die Tatsache, dass ich mich in meiner Promotion intensiv mit informellen Bewegungspraxen in Städten auseinandergesetzt hatte, bildete vermutlich dann auch den Hintergrund dafür, dass ich zu den Workshops in Wuppertal eingeladen wurde.
Was versteht ihr unter informellem Sport und worin liegen seine spezifischen Potenziale?
Christian Hübner: Jede Form von Sport unterliegt einer gewissen Organisation und bietet bestimmte Gestaltungsfreiräume. Je nachdem, wo ein Setting verortet ist, verschieben sich diese Anteile. Informeller Sport meint für uns eher Settings mit größeren Gestaltungsfreiräumen, in denen Organisation und Gestaltung vorrangig durch die Teilnehmenden selbst erfolgen. Das ist kein strenges „Ja oder Nein“, sondern ein Kontinuum mit vielen Mischformen. Ihn grundsätzlich als „frei“ oder „ungebunden“ zu bezeichnen, käme seiner Komplexität nicht gerecht. Auch im informellen Sport gibt es Hürden: Wie finde ich eine Community? Habe ich Zugang zur nötigen Infrastruktur? Verfüge ich über die notwendigen Ressourcen? Gleichzeitig liegt in den erweiterten Gestaltungsfreiräumen ein besonderes Potenzial. Wer informell Sport treibt, muss sich selbst organisieren, Entscheidungen treffen, Verantwortung übernehmen. Diese Prozesse beinhalten Lern- und Bildungsgelegenheiten, die – wenn auch nicht ausschließlich – dort besonders stark ausgeprägt sein können.
Christian Peters: Ich würde noch ergänzen: Ein zentrales Attribut des informellen Sports ist die Eigenverantwortlichkeit. Aus Perspektive der Sozialen Arbeit könnte man argumentieren, dass gerade diese Eigenverantwortlichkeit in besonderer Weise Erfahrungen von Selbstwirksamkeit ermöglicht. Natürlich müsste empirisch nachgewiesen werden, dass solche Effekte tatsächlich eintreten. Aber wenn ich in einem organisierten Vereinsangebot trainiere, werden mir Übungen vorgegeben. Wenn ich hingegen selbst die Initiative ergreife, joggen gehe, andere mitnehme und das Ganze organisiere, dann erlebe ich Selbstwirksamkeit auf mehreren Ebenen. Darin liegt möglicherweise ein besonderes soziales Potenzial des informellen Sports.
Bevor wir detaillierter auf mögliche Schnittstellen zur Sozialen Arbeit eingehen, vorab noch eine Frage zur Begrifflichkeit. Ihr schreibt im Papier, dass durchaus auch andere Formulierungen wie ‚freier Sport‘ oder ‚selbstorganisierter‘ Sport Verwendung finden. Wieso habt ihr euch für den Begriff des informellen Sports entschieden und seit wann wird dieser genutzt?
Christian Hübner: Ich habe mir darüber auch in meiner Dissertation lange den Kopf zerbrochen und bin dabei etymologisch vorgegangen. Der Begriff „informell“ findet sich – nicht im Sportkontext – bereits vor über 100 Jahren bei John Dewey in Democracy and Education. Danach tauchte er eine ganze Zeit lang kaum auf und wurde später etwa in Kontexten wie informeller Kunst wieder aufgegriffen.
Im sportwissenschaftlichen Kontext wurde der Begriff dann erstmals Ende der 1970er-Jahre von den amerikanischen Soziologen Eitzen und Sage verwendet. In Deutschland sprach man lange Zeit schlicht vom unorganisierten Sport, und zwar bis in die 1990er-Jahre hinein. Eine der ersten Arbeiten, die den Begriff ‚informeller Sport‘ konsequent genutzt hat, war die Promotionsarbeit von Stefan Telschow aus dem Jahr 2000. Anfang der 2000er-Jahre hat sich der Begriff dann zunehmend etabliert. 2004 erschien bereits ein größerer Sammelband zum informellen Sport, und seitdem ist der Begriff recht verbreitet.
Gleichzeitig ist der Begriff auch problematisch, weil er über die Verneinung – „in-“ als Negationssilbe – definiert, was etwas nicht ist – nämlich nicht formalisiert wie der organisierte Sport. Das ist semantisch eigentlich unglücklich. Deshalb ist es für uns wichtig, bei informellem Sport nicht einfach nur kategorial zu trennen, „hier informell, dort formell“, sondern zu charakterisieren, was wir meinen: insbesondere im Hinblick auf Gestaltungsfreiräume und Organisationsgrade. So vermeiden wir einen Dualismus, den wir in der Sportlandschaft heute ohnehin kaum noch in dieser Schärfe sehen.
Christian Peters: Eine bedeutsame Arbeit – aus meiner Perspektive – war die Dissertation von Tim Bindel aus dem Jahr 2007: Soziale Regulierungen in informellen Sportgruppierungen (Bindel 2008). Tim Bindel zeigt in seiner ethnografischen Studie sehr anschaulich, dass die naheliegende Annahme – informelle Gruppen seien automatisch offen, niederschwellig und für alle zugänglich – so nicht stimmt. Im Gegenteil: Gerade, weil Regeln und Zugänge oft implizit verbleiben, kann der Zugang sogar schwieriger sein als beispielsweise in einem Verein, in dem man formell Mitglied wird und dann Teil einer Mannschaft ist. Ich würde sagen von Wuppertaler Seite – also von Eckart Balz, Tim Bindel und auch von Christian Hübner – wurde der Begriff ‚informeller Sport‘ in den letzten 20 Jahren stark geprägt und stark gemacht.
Christian Hübner: Ich muss ein wenig schmunzeln, weil ich irgendwann wahrscheinlich selbst einer der größten Kritiker des Begriffs war. Aber ja, Tim Bindel hat ihn stark gemacht und viel zum Diskurs beigetragen, gerade weil er die Partizipationshürden im informellen Sport klar herausgearbeitet hat. Bei ihm war das anhand einer Streetball-Szene in Köln und einer Bolzplatzgruppe, also einmal Basketball, einmal Fußball. Das ist zwar teamsportspezifisch und in der ersten Gruppe auch stark leistungsnormativ, während es in der zweiten eher kommunikativ geprägt war. Aber solche Hürden lassen sich durchaus auch in anderen Sportarten und Bewegungsformen wiederfinden.
Christian Peters: Im Skateboarding war das ähnlich. Ich habe in Köln eine ethnographische Untersuchung auf der Domplatte gemacht. Auch dort war spür- und beobachtbar, wie Zugehörigkeit über das Beherrschen bestimmter Codes und Verhaltensweisen hergestellt wurde.Das ist ja in vielen Untersuchungen zu informellen Bewegungspraxen inzwischen nachgewiesen: Es braucht ein subtiles, sehr feinsinniges „Hineinfinden“, um Zugang zu solch informellen Gruppen zu erlangen. Übrigens ist es auch als forschende Person nicht ganz leicht, in derartigen Szene-Vergemeinschaftungen Fuß zu fassen.
Christian Hübner: Gleichzeitig muss man sagen: So groß die Hürden auch sind – für viele Sportszenen, gerade solche, die in der breiteren Öffentlichkeit weniger bekannt sind, ist es durchaus erstrebenswert, neue Leute dazuzugewinnen. Sie selektieren allerdings stark: Wer zeigt wirklich Interesse? Wer kommt kontinuierlich zu den Treffen? Wer engagiert sich? Genau diese Personen werden dann auch bewusst hineingezogen und unterstützt. Ich habe das in der Tricking-Szene beobachtet. Dort gibt es zwar ein gewisses Leistungsnormativ, aber wenn die Szene merkt, dass da jemand echtes Interesse hat, dann sind viele sehr daran interessiert, die Person einzubinden – auch, um Trainingspartner*innen zu gewinnen und gemeinsam Sport zu treiben.
Das ist ein spannender Aspekt und stellt aus meiner Sicht einen zentralen Anknüpfungspunkt zur Sozialen Arbeit dar. Lebensweltorientierung und Partizipation scheinen als sozialarbeiterische Basisprinzipien im informellen Sport gewissermaßen angelegt zu sein. Bei dem Aspekt der Niedrigschwelligkeit sieht es ganz offensichtlich anders aus, das scheint im informellen Sport kein Automatismus zu sein. Ihr habt es angesprochen: Gerade beim Skaten oder auch Streetball spielen jugendkulturelle Codes wie Kleidung, Habitus und Stil eine zentrale Rolle. Diese Faktoren sind einerseits identitätsstiftend, aber stellen auch große Zugangshürden dar. Könnte sich hieraus ein Mandat für die Soziale Arbeit ergeben?
Christian Peters: Vielleicht kann man aus sozialarbeiterischer Perspektive sagen: Gerade weil formale Zugänge fehlen, könnte es eine Aufgabe der Sozialen Arbeit sein, Zugänglichkeit immer wieder herzustellen. Ich muss gerade an die ethnographische Arbeit von Anja Schwanhäußer denken, die sich mit dem Berliner Techno-Underground beschäftigt. Dieser rekurriert für seine Partys auf zwar öffentlich zugängliche, aber dennoch geheime Locations; und nur wer Bescheid weiß, wo und wann eine Party stattfindet, kann auch daran teilhaben. Ähnliches gibt es an den Do-it-yourself Spots der Skateboard-Kultur. Nur wer Teil von bestimmten Kommunikationsstrukturen ist, kann in solchen Szene-Vergemeinschaftungen navigieren. Das könnte eine sozialarbeiterische Aufgabe sein. Vielleicht braucht es hier neue, flexiblere und weniger institutionalisierte Formate. Streetwork taucht ja in unserem Papier auf. Ich verstehe das so, dass man weniger von einem pädagogischen Raum aus Angebote „entwirft“, sondern stärker von dem ausgeht, was alltagskulturell vorhanden ist – und sich dort mit einem sozialen Angebot oder einer Begleitung von entstehenden Prozessen einfügt. Dafür braucht es vermutlich anschmiegsamere Vorgehensweisen.
Könnte ein solcher Prozess auch durch kommunaler Kompetenzzentren für Sport und Bewegung initiiert werden, die es für solch ein Querschnittsthema braucht, wie ihr in dem Positionspapier schreibt?
Christian Hübner: Genau, auch um der Frage zu begegnen, wer für informellen Sport überhaupt zuständig ist: Sport- und Bäderamt, Grünflächenamt, Jugendamt – das ist sehr verteilt. Gerade Kompetenzzentren oder Koordinierungsstellen haben großes Potenzial, weil dort Themen zusammenfließen und man sich besser abstimmen kann.
Dem würde ich zustimmen. Auch unser Dialogprozess bei MOBILEE hat gezeigt, wie wenig Wissen es teilweise über die Zuständigkeiten, Abläufe und Logiken in den anderen Bereichen gibt. Um ein simples Beispiel zu nennen: In der Sozialen Arbeit ist oftmals kein Wissen über die Verwaltung und Vergabe von Sporthallenzeiten vorhanden. Die gegenseitige Vernetzung und zentrale Bündelung von Informationen sind auch aus unserer Erfahrung heraus ein ganz wesentlicher Faktor.
Christian Peters: Wobei ich mich gerade frage: Es gibt ja durchaus viele Sozialarbeitende in Verwaltungen und Kommunen – insbesondere in Jugendämtern, aber vermutlich auch in anderen Bereichen. Vielleicht liegt hier sogar ein besonderes Potenzial im kommunalen Management: Dieses Thema müsste ja über Ressortgrenzen hinweg vertreten werden. Im Grunde müssten nur die richtigen Personen darauf aufmerksam werden und dann die einzelnen Ämter vernetzen, damit Interessen wahrgenommen werden. Wenn man idísid sozialarbeiterisch deutet, geht es ja auch darum, Gruppen, die ihre Interessen nicht selbst vertreten können, politisch eine Stimme zu geben. Das ist eine ureigene Aufgabe von Sozialarbeitenden. Und gerade in kommunalen Verwaltungen könnte es viele Menschen geben, die dafür gut aufgestellt sind. Je nach Bewegungskultur und Szene zeigen sich hier allerdings große Unterschiede: Im Skateboarding in Köln habe ich über die letzten 15 Jahre auf wirklich beeindruckende Weise miterlebt, wie sich die Politikfähigkeit einer Bewegungskultur auszahlt. Die Kölner Skate-Szene hat teilweise sehr enge Verbindungen in die Verwaltung aufgebaut, so dass in den letzten Jahren in Köln ein Projekt nach dem anderen umgesetzt wurde. Ich glaube, vieles scheitert nicht an Möglichkeiten, sondern daran, dass Wissen an den richtigen Stellen ankommen muss. Es gibt aber sicherlich genug informelle Bewegungskulturen oder soziale Gruppierungen, die nicht in der Lage sind, ihre Bedürfnisse politisch wirksam zu kommunizieren. Da bräuchte es dann Personen, die unterstützen – so ist idísid auch gedacht, oder?
Christian Hübner: Grundsätzlich schon, allerdings sind diejenigen, die sich bei uns melden und Kontakt aufnehmen, meist ohnehin die, die vergleichsweise „politikfähig“ sind. Für diejenigen, die gar nicht auf die Idee kommen, jemanden anzusprechen, um ihr Sporttreiben unterstützen zu lassen, müssten wir eigentlich Angebote schaffen. Gerade mit diesen Gruppen ist es allerdings unglaublich schwierig, in Kontakt zu treten und ihre Bedarfe überhaupt zu erheben.
Apropos idísid: Wo steht die Koordinierungsstelle heute?
Christian Hübner: Zunächst hatten wir die Koordinierungsstelle an der Bergischen Universität Wuppertal aufgebaut. Durch meinen Weggang dort – ich bin in meiner Postdoc-Phase an die Uni Bielefeld gewechselt – und durch die Ausdifferenzierung von idísid, bauen wir idísid jetzt stärker als Netzwerk aus. Das war es in gewisser Weise zwar schon immer gedacht, aber wir haben es bislang nicht offiziell so bezeichnet. Im deutschsprachigen Raum wollen wir Forscher:innen – und auch über die Forschungsebene hinaus Menschen, die sich für informellen Sport engagieren – stärker vernetzen. Wir treffen uns aktuell etwa alle drei Monate, besprechen aktuelle Entwicklungen, schließen Kooperationen für einzelne Projekte, sprechen über weitere Unterstützungsformate usw. idísid entwickelt sich also zunehmend als dezentrales Netzwerk weiter.
Herzlichen Dank für das Gespräch!
Prof. Dr. Christian Peters
Christian Peters, Prof. Dr., Sportwissenschaftler und Geograph, Professor für Bewegung und Sport in der Kulturellen Bildung im Kontext Sozialer Arbeit am Fachbereich für Sozial- und Kulturwissenschaften der Hochschule Düsseldorf, Arbeits- und Forschungsschwerpunkte: Sport, Spiel, Körper und Bewegung in der Sozialen Arbeit, Sportgeographie(n), Sport und Raum, Sport und Stadt/Urbanität
Dr. Christian Hübner
Christian Hübner, Dr., Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Arbeitsbereich Sport und Erziehung an der Universität Bielefeld. Meine Arbeitsschwerpunkte: Informeller Sport, Szenesport, Demokratische Praktiken, Soziale Lernprozesse und Genderanfechtende Praktiken.
Literaturhinweise:
Balz, E., & Kuhlmann, D. (2004). Sportengagements von Kindern und Jugendlichen – Grundlagen und Möglichkeiten informellen Sporttreibens. Meyer & Meyer.
Bindel, T. (2008): Soziale Regulierung in informellen Sportgruppen. Eine Ethnographie. Hamburg: Czwalina.
Hübner, C. (2025): Soziale Lernprozesse im Tricking – eine Ethnographie informellen Trendsports am Setting Gathering. Shaker.
Peters, C. (2016): Skateboarding. Ethnographie einer urbanen Praxis. Münster: Waxmann.
Schwanhäußer, A. (2010): Kosmonauten des Underground. Ethnografie einer Berliner Szene. Frankfurt/New York: Campus.