MOBILEE Magazin
Glossar
Foto: © deeaf / iStock

von Jonas S. Schöck

Handeln im Hintergrund – Theorie-Praxis-Transfer in der Sportsozialarbeit:

Eine qualitative Studie mit vier Experten:innen-Interviews zu der Frage, wie Sozialarbeiter:innen in bewegungsbezogenen Angeboten mit Kindern und Jugendlichen den Theorie-Praxis-Transfer gestalten.

 

 

 

 

 

 

 

 

1 vgl. Sandermann & Neumann, 2022

 

 

2 Gräfe et al., 2015

Das Konzept der Sportsozialarbeit klingt zunächst simpel: Sport und soziales Handeln verbinden – und schon hat man Sportsozialarbeit. Doch so einfach ist es in der Realität nicht. Denn nur weil ein Angebot auf benachteiligte Personengruppen ausgerichtet ist und Sport beinhaltet, kann noch nicht von Sportsozialarbeit gesprochen werden. Für außenstehende Personen ist es vielleicht nicht immer ersichtlich, aber hinter Sportsozialarbeit steckt deutlich mehr. Damit ist vor allem das professionelle Handeln gemeint, welches die Soziale Arbeit auszeichnet. Dieses begründet sich insbesondere auf einem theoretischen Fundament, dem methodisch-konzeptionellem Wissen und Transfer in die Praxis sowie der professionellen Haltung1. Im Kern der Profession liegt somit der Theorie-Praxis-Transfer. Dieser stellt die Sportsozialarbeit gerade vor Probleme, denn die Theorien der Sozialen Arbeit sind nicht auf die Bewegung oder den Sport zugeschnitten und eine eigenständige Theorie der Sportsozialarbeit gibt es noch nicht.2 Sie müssen vom jeweiligen Sozialarbeitenden in die Praxis transferiert werden. Wie genau das geschieht, war Untersuchungsgegenstand eines Forschungsprojektes, welches unter der Fragestellung stand:

Wie gestalten Sozialarbeiter*innen den Theorie-Praxis-Transfer in der Sportsozialarbeit mit Kindern und Jugendlichen?

Die durch dieses Forschungsprojekt gewonnenen Ergebnisse dieses Handelns, das im Hintergrund geschieht, sollen hier zusammenfassend vorgestellt werden. Ausgangspunkt der Analyse stellen dabei vier Experten:innen-Interviews dar. Alle Expert:innen waren im Feld der Sportsozialarbeit mit Kindern und Jugendlichen tätig und nutzten dabei den Sport und die Bewegung auf unterschiedliche Weise.

Innerhalb der Analyse der Ergebnisse kristallisierten sich vier Hauptkategorien heraus:

  • die Wissenschaft
  • die Praxis
  • die Profession
  • die Person des Sozialarbeitenden

Die wichtigsten Erkenntnisse aus diesen Kategorien sollen nun kurz vorgestellt werden. Im Bereich der Wissenschaft zeigt sich, dass die Soziale Arbeit den größten Bezugspunkt der Sportsozialarbeit darstellt. Wissenschaftliches Wissen und Methoden aus der Sozialen Arbeit sind elementar für die Gestaltung der Angebote. Dies wird sehr gut von einer der Interviewpartnerinnen zusammengefasst:

Also Sportsozialarbeit benutzt Sport nur als Methode sozusagen und nimmt das als Grundlage […]. Und benutzt dann aber genauso Methoden aus der sozialen Arbeit, aus der Pädagogik, aus der Jugendarbeit, um den Sport systematisch in seiner Struktur so anzupassen, dass damit pädagogische Ziele erreicht werden können. 

Das Wissen bezieht sich hier vor allem auf konkrete Methoden, die für die Praxis relevant sind. Die Theorien der Sozialen Arbeit hingegen haben für die Interviewpartner:innen einen geringen Stellenwert. Zwar können vereinzelt Theorien der Sozialen Arbeit benannt werden, eine Relationierung zur Praxis konnte von den Sozialarbeitenden im Interview aber nicht beschrieben werden.  Beim Betrachten der durchgeführten Handlungen können Theorien wie die Lebensweltorientierung oder Deweys Pragmatismus von außen als Begründung hinzugefügt werden. Daraus kann abgeleitet werden, dass Theorien der Sozialen Arbeit das fachliche Fundament legen und somit die Handlungen in der Praxis beeinflussen. Da die Expert:innen nur wenige Theorien konkret benennen konnten, scheint es sich hierbei um implizites Wissen zu handeln, dessen Ursprung nicht eindeutig der Wissenschaft zugeordnet werden kann und das in der Praxis nicht bewusst eingesetzt wird.  

Als weiterer wissenschaftlicher Bezugspunkt wurden die Sportwissenschaften herausgearbeitet. Es zeigt sich, dass die Tätigkeit in der Sportsozialarbeit stets mit Wissen aus dem Sport verknüpft ist. Die Art und der Umfang des Wissens unterscheiden sich je nach Interviewpartner*in stark. Als relevante Bereiche haben sich die Sportpädagogik, Sportsoziologie und Sportpsychologie herauskristallisiert. Gerade der Ausbildungsweg scheint hierbei eine Rolle zu spielen.

Eine größere Relevanz für den Theorie-Praxis-Transfer hat offenbar die Praxis selbst. Sie scheint der Ausgangspunkt für die Auswahl der angewandten Methode zu sein. In der Analyse wurde dabei in strukturelle Einflussfaktoren (z.B. Finanzierung, Räumlichkeiten, Zielsetzung der Organisation) und unmittelbare Einflussfaktoren (z.B. Gruppenzusammensetzung, Tagesstimmung der Gruppe) unterschieden. Die strukturellen Einflussfaktoren wirken sich dabei vor allem auf die grundlegenden Möglichkeiten der Methodenauswahl aus. Bestimmte Sport- und Bewegungsangebote können dabei nur durchgeführt werden, wenn z.B. die benötigten räumlichen und personellen Ressourcen zur Verfügung stehen. Unmittelbare Einflussfaktoren hingegen sind schwer planbar, sie sind jedoch für den Erfolg einer Maßnahme von großer Relevanz. Auf sie wird oft spontan reagiert indem einzelne Bestandteile der angewandten Methode angepasst bzw. abgeändert werden.

In der Schnittstelle aus Theorie und Praxis ist die Profession angesiedelt. Sie verbindet die beiden Pole in der Person, die Sportsozialarbeit durchführt. Die Interviews zeigen, dass die Praxis einen höheren Stellenwert als die Wissenschaft hat. Methoden werden dabei vor allem an die Praxis angepasst und können von Sozialarbeitenden nur bedingt in Relation zu theoretischem Wissen gesetzt werden. Gerade die Theorie der Sozialen Arbeit scheint dabei einen sehr geringen Stellenwert zu haben. In den Interviews wird deutlich, dass die Reflexion und Begründung von Entscheidungen und Handlungen nicht explizit auf Grundlage von Theorien der Sozialen Arbeit erfolgt, sondern vielmehr durch die eigene Berufserfahrung geprägt ist. Der Profession fehlt somit ein weiterer Bezugspunkt, um Handlungen theoretisch-fachlich zu begründen. Theorien und fachliches Wissen nehmen offenbar auch hier einen vornehmlich impliziten Einfluss auf das Handeln und somit auch auf die Praxis. Die fehlende nachvollziehbare Kausalität zwischen theoretischem Wissen einerseits, und sich daraus ableitendem Vorgehen in der Praxis anderseits, lassen an dieser Stelle keine eindeutige Aussage zum Stellenwert der Theorien der Sozialen Arbeit für die Praxis zu.

Bei allen Interviewpartner:innen konnte im Bereich der Profession ein Handlungsschema gefunden werden, das Handeln in der Sportsozialarbeit rahmt. Dieses besteht aus den vier Schritten „Ziele“, „Analyse“, „Maßnahme“ sowie „Reflexion“ und ggf. „Anpassung“. Dies stellt ein sehr allgemeines Schema dar, das auch außerhalb der Sozialen Arbeit gefunden werden kann und in vielen Bereichen die Grundlage für das professionelle Handeln legt. Die Wissenschaft und die Praxis, die dahinterstehen sind dabei wichtiger für die Profession als das gefundene Schema.

Ein Faktor, der im Rahmen der Analyse auch berücksichtigt wurde, ist die Person des Sozialarbeitenden mit seinen/ihren persönlichen Faktoren selbst. Als erster Faktor kann hier der Bildungsweg genannt werden. Es zeigen sich große Unterschiede, vor allem in Bezug auf den sportiven Anteil. Von Übungsleiterlizenz bis daran anschließendes Sportstudium – die Spanne rund um das Sportwissen schwankt stark. Persönliche Interessen scheinen diesen Wissensbereich in besonderem Maße zu beeinflussen, beispielsweise werden Zusatzqualifikationen oft in Abhängigkeit zu diesem Interesse ausgewählt. Neben der formalen Qualifizierung zeigt sich die professionelle Haltung als weiterer Faktor in der Person der Sozialarbeitenden. Sie vermitteln ihre Werte und ihr Menschenbild, gestalten ihre professionellen Beziehungen und reflektieren ihre eigene Rolle.  Die Person des Sozialarbeitenden wird somit zu einer relevanten Größe innerhalb des Theorie-Praxis-Transfers.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

3 Gräfe et al., 2015; Koch et al., 2003; Löwenstein et al., 2020

Fazit und Ausblick

Diese Forschungsarbeit konnte einen ersten kleinen Einblick in den Theorie-Praxis-Transfer der Sportsozialarbeit liefern und wirft dabei einige Fragen auf, die weiter diskutiert werden müssen. Gerade die geringe Relevanz der Theorien der Sozialen Arbeit für die Praxis muss kritisch hinterfragt werden. Ohne sie wird die Praxis zu einem Ort, an dem die Handlungen maßgeblich von der Person abhängen. Die Profession verliert dadurch einen wichtigen Bezugspunkt, an dem Handlungen relationiert und gerechtfertigt werden können. Letztendlich überrascht dies aber nicht, da der Sportsozialarbeit keine eigenen Theorien zugrunde liegen und bisher nur sehr wenig Theorien der Sozialen Arbeit auf den Gegenstand des Sports und der Bewegung angepasst wurden.3 Es bedarf hier momentan einer hohen Eigenleistung der/des Sozialarbeitenden, die/der hierfür zeitliche Ressourcen aufbringen muss, die er/sie oft nicht zur Verfügung hat. Daher ist hier vor allem die Wissenschaft gefordert, diese Lücke zu schließen.

Trotz dieser Lücke liefert diese Arbeit eine Begründung dafür, warum Sportsozialarbeit als eigene Profession angesehen werden kann. Sie unterscheidet sich hinsichtlich des relevanten fachlich-konzeptionellen Wissens und der Praxis von anderen Professionen (Sportpädagogik) oder anderen Handlungsfeldern innerhalb der Sozialen Arbeit. Dieser Transfer wird von Sozialarbeiter:innen in der Praxis umgesetzt. Es ist ihr Handeln im Hintergrund, das die Sportsozialarbeit zu einer Profession macht.

Literaturverzeichnis

Gräfe, R., Harring, M. & Witte, M. D. (Hrsg.). (2015). Grundlagen der Sozialen Arbeit: Bd. 36. Körper und Bewegung in der Jugendbildung: Interdisziplinäre Perspektiven. Schneider Verlag Hohengehren GmbH. 

Koch, J., Rose, L., Schirp, J. & Vieth, J. (Hrsg.). (2003). bsj-Jahrbuch: 2002/2003. Bewegungs- und körperorientierte Ansätze in der Sozialen Arbeit. Leske + Budrich. http://www.socialnet.de/rezensionen/isbn.php?isbn=978-3-8100-3945-3 

Löwenstein, H., Steffens, B. & Kunsmann, J. (2020). Sportsozialarbeit: Strukturen, Konzepte, Praxis (1. Auflage). Grundwissen Soziale Arbeit. Verlag W. Kohlhammer. https://doi.org/10.17433/978-3-17-035722-8

Sandermann, P. & Neumann, S. (2022). Grundkurs Theorien der Sozialen Arbeit (2., aktualisierte Auflage). utb. Soziale Arbeit: Bd. 4948. Ernst Reinhardt Verlag. 

Scheid, V. & Oesterhelt, V. (Hrsg.). (2022). Sportpädagogik Eine Grundlegung. Grundbegriffe der Sportpädagogik. Kohlhammer. 

Tiedemann, C. (2020).Bewegungskultur- Vorschlag einer Definition. http://www.sport-geschichte.de/tiedemann/documents/DefinitionBewegungskultur.pdf

Jonas S. Schöck

Jonas schloss sein Bachelorstudium „Soziale Arbeit und Sport“ erfolgreich an der DHGS in Berlin ab. Darauf folgte ein Masterstudium an der Goethe Universität Frankfurt im Studiengang „Sozialwissenschaften des Sports“, in dessen Verlauf auch dieses Forschungsprojekt entstanden ist. In verschiedenen Praxisfelder der Sportsozialarbeit konnte er bereits Erfahrung sammeln. Momentan arbeitet er bei der Deutschen Turnjugend. 

Weiteres in dieser Kategorie

Soziale Arbeit in (der) Bewegung

von Dr. Claudia El Hawary

Lesen

Gewaltprävention durch sportorientierte Jugendsozialarbeit in Berlin

von Madleen Bernhardt und Max Weiß

Lesen

‚Neutral‘ gilt nicht mal für Schiedsrichter:innen

von Jana Sämann

Lesen