MOBILEE Magazin
Glossar

Kinder spielend stärken

Gewaltprävention im Schulalltag

Soziale Arbeit mit Sport und Bewegung als Schlüssel zur Gewaltprävention?

Gewalt ist ein fester Bestandteil unserer Gesellschaft – manchmal sichtbar, manchmal verborgen. Aktuell rückt sie wieder stärker in den Fokus, und wir stehen vor der Frage, wie wir ein respektvolles Miteinander gestalten können. Sport wird oft als „Wundermittel“ der Gewaltprävention betrachtet, doch so einfach ist es nicht. Er kann Teamgeist und Fairness fördern, aber auch Aggressionen und Konfliktsituationen verstärken. Entscheidend sind gezielte Konzepte und Strukturen, die Sport und Soziale Arbeit sinnvoll verbinden. In dieser Interviewreihe stellen wir Projekte und Initiativen vor, die genau das tun. Heute im Gespräch mit Claudia Rochell von KIKS UP.

Claudia Rochell ist Diplom-Sozialpädagogin, Erlebnispädagogin und ausgebildete Präventologin. Sie bringt langjährige Erfahrung aus der Schulsozialarbeit, Mädchenarbeit und der offenen Kinder- und Jugendarbeit mit, vor allem in bewegungsorientierten Kontexten. Heute ist sie Geschäftsführerin von KIKS UP und verantwortlich für die inhaltliche Ausrichtung, Fortbildungen und die Koordination externer Anfragen. Als zentrale Ansprechpartnerin gestaltet sie das bundesweit tätige Präventionsprogramm mit und sorgt dafür, dass Bewegung, Ernährung und psychosoziale Gesundheit in Kitas und Schulen ganz praktisch zusammenfinden.

KIKS UP ist ein ganzheitliches Präventionsprogramm zur Stärkung der sozialen, emotionalen und körperlichen Gesundheit von Kindern im Kita- und Grundschulalter sowie ihrer Familien. Im Zentrum stehen Bewegungsförderung, ausgewogene Ernährung und die Förderung psychosozialer Kompetenzen – mit dem Ziel, Kinder „spielend zu stärken“. Das Programm setzt auf einen multiprofessionellen Setting-Ansatz und bietet aufeinander aufbauende Maßnahmen für Kitas, Schulen und Familien. Ein zentrales Praxistool ist z.B. das Präventionsspiel „KLASSE KLASSE“ für Grundschulen, das Bewegung, Sucht- und Gewaltprävention sowie Ernährungsbildung alltagsnah verbindet.

Weitere Informationen:  Das ausgezeichnete Präventionsprogramm zur Bewegungsförderung, Ernährungsbildung und Stärkung der psychosozialen Gesundheit aus Bad Nauheim - KIKS UP

Bevor wir ins Thema Gewaltprävention einsteigen, könnten Sie einmal kurz skizzieren: Was ist KIKS UP eigentlich genau? Wie ist das Programm aufgestellt und in welchen Bereichen ist das Programm aktiv?

Claudia Rochell: KIKS UP steht für „Kinder in Kitas und Schulen – UP“, wobei das „UP“ für Entwicklung, Perspektive und einen positiven Blick nach vorn steht. Wir arbeiten seit über 20 Jahren an einem ganzheitlichen Präventionsansatz, der die Bereiche Bewegung, Ernährung und psychosoziale Gesundheit miteinander verbindet. Unser Ziel ist es, Kinder spielend zu stärken – im wahrsten Sinne des Wortes. Wir bieten Programme für Kitas, Grundschulen und Familien an, haben eine eigene Akademie zur Qualifizierung von Fachkräften und ein überregionales Netzwerk aufgebaut, das Akteur:innen aus Bildung, Gesundheit und Jugendhilfe miteinander vernetzt. Unsere Programme – wie z. B. KLASSE KLASSE, KLASSE KITA oder KLASSE LERNORT – setzen auf niedrigschwellige, praxistaugliche Methoden, die in den Alltag von Fachkräften integriert werden können. Prävention soll nicht zusätzlich „on top“ kommen, sondern Bestandteil des Alltags und der Haltung sein. Dabei setzen wir auf Schulung von Multiplikator:innen, also auf Menschen, die bereits mit Kindern arbeiten.

Gewaltprävention ist ja ein Teil eures ganzheitlichen Programms. Warum ist das für euch ein wichtiges Thema und wie setzt ihr dieses um?

Claudia Rochell: Gewalt beginnt nicht erst mit der Faust, sondern mit Ausgrenzung, mit fehlenden Kommunikationsmöglichkeiten, mit innerem Stress. In Kitas und Grundschulen zeigt sich das auf vielen Ebenen: wenn Kinder nicht wissen, wie sie ihre Bedürfnisse ausdrücken können oder kein Gefühl für sich und andere entwickeln. Wir möchten präventiv ansetzen – frühzeitig, alltagsnah, kontinuierlich. Gewaltprävention ist bei uns nicht ein Modul unter vielen, sondern zieht sich durch alle Programme. Sie steckt in der Art, wie wir über Gefühle sprechen, wie wir Konflikte thematisieren, wie wir Kinder befähigen, sich selbst zu regulieren.

Gewalt beginnt nicht erst mit der Faust, sondern mit Ausgrenzung, mit fehlenden Kommunikationsmöglichkeiten, mit innerem Stress.

Ihr fördert also gezielt verschiedene Lebenskompetenzen – Bewegung, psychosoziale Gesundheit, Ernährung. Gerade als Sozialarbeiterin finde ich den Ansatz besonders spannend, weil er deutlich macht: Gewaltprävention ist kein Einzelthema, sondern steht immer im Zusammenhang mit sozialen Bedingungen, Ressourcen, Bildung. Wie schafft ihr es, diesen ganzheitlichen Ansatz alltagstauglich zu gestalten?

Claudia Rochell: Das war unser Anspruch von Anfang an: alltagstauglich, aber nicht oberflächlich. Unsere Programme wie KLASSE KLASSE oder KLASSE KITA funktionieren nach dem Spielprinzip – nicht, um Gewalt zu „bespielen“, sondern weil Spielen die effektivste Lernform ist. Das heißt z. B.: Bewegung ersetzt den Würfel. Kinder ziehen eine Karte, machen gemeinsam eine Übung wie balancieren, springen, sich drehen und gehen damit einen Schritt auf dem Spielfeld weiter. Dabei geht es nicht nur um Motorik, sondern um Selbstregulation, Frustrationstoleranz, Gemeinschaft. Zusätzlich wählen Lehrkräfte je nach Situation Themenkarten aus und setzen damit Impulse, die sich direkt auf die Klassengemeinschaft auswirken. Themen sind zum Beispiel „Konflikte lösen lernen“ oder „Vertrauen aufbauen“. Das Spiel ist so aufgebaut, dass es sich durch die ganze Grundschulzeit zieht. Dadurch ist KIKS UP kein einmaliger Projekttag, sondern tägliche Praxis, eingebettet in Routinen, aber mit Raum für Flexibilität. Uns ist eine nachhaltige Prävention sehr wichtig.

Das heißt, ihr nehmt das Fachpersonal selbst in die Verantwortung, gebt aber zugleich Tools, Qualifikationen und Strukturen an die Hand, damit sie handlungsfähig werden. Warum habt ihr euch für diesen Multiplikator:innen-Ansatz entschieden?

Claudia Rochell: Weil wir mit der Realität an Schulen arbeiten. Es fehlt vielerorts an Zeit, Personal und spezialisierter Ausbildung. Gleichzeitig sind die Herausforderungen groß: psychosoziale Belastungen, Konflikte im Klassenraum, fehlende Strukturen für Prävention und Gesundheitsförderung. Unsere Spiele und Materialien sind bewusst als Mini-Impulse konzipiert, so lassen sie sich flexibel und niedrigschwellig in den Schulalltag integrieren. Daher setzen wir auf eine Stärkung der Personen vor Ort: Lehrkräfte, Erzieher:innen und Betreuungspersonal erhalten von uns konkrete Materialien, Know-how und Haltungsimpulse, damit sie selbstständig, aber gut begleitet arbeiten können. Das Schulsystem umfassend zu verändern, ist eine langfristige Aufgabe. Aber wir können dazu beitragen, dass sich heute schon die Haltung verändert – dass psychosoziale Gesundheit, Bewegung und Beziehungsarbeit im pädagogischen Alltag einen festen Platz bekommen. Und das ist vielleicht schon ein kleiner Schritt in Richtung einer besseren Schulumgebung.

Ihr verknüpft Gewaltprävention eng mit Bewegung. Das ist ein Ansatz, der unser Themenfeld besonders interessiert, daher: Was bedeutet Bewegung für euch?

Claudia Rochell: Bewegung ermöglicht Begegnungen und Beziehungen. Sie schafft Energie, erzeugt Spannung und fördert Aufmerksamkeit. In unseren Programmen wird Bewegung zum Zugang zur Gruppe, zum eigenen Körper, zu den eigenen Gefühlen. Und es macht etwas mit Gruppen, wenn wir uns gemeinsam bewegen. Ein Beispiel: Bei einer Übung sollten alle Kinder gemeinsam eine Acht mit dem Bein in die Luft zeichnen. Einige haben geschummelt und sich festgehalten. Anstatt zu bestrafen, sollte sich die Klasse überlegen, wie sie es gemeinsam schaffen können. Daraus entstand ein starkes Gruppenerlebnis und genau solche Mikroerfahrungen sind ein zentraler Bestandteil von Gewaltprävention: Ich werde gesehen, ich darf scheitern, ich bekomme Unterstützung. Diese Dynamiken entstehen nur, wenn Bewegung kooperativ statt kompetitiv gedacht wird. Bei KIKS UP geht es nicht um individuelle Leistung, sondern immer um das Miteinander – um die Gruppe, die Klasse, das gemeinsame Erleben und Lösen.

Daraus entstand ein starkes Gruppenerlebnis und genau solche Mikroerfahrungen sind ein zentraler Bestandteil von Gewaltprävention: Ich werde gesehen, ich darf scheitern, ich bekomme Unterstützung.

Wenn man sich KIKS UP genauer anschaut, merkt man schnell: Das ist viel mehr als nur ein Präventionsprogramm für Kinder. Ihr arbeitet mit unterschiedlichen Zielgruppen, Formaten und Ebenen – von der Kita bis zur Kommune, von der Lehrkraft bis zu den Eltern. Könnt ihr uns ein bisschen mitnehmen: Was genau bietet KIKS UP alles an, und wie hängt das zusammen?

Claudia Rochell: Das stimmt, KIKS UP ist über die Jahre gewachsen und heute weit mehr als ein einzelnes Programm. Unser Ansatz war von Anfang an: Prävention muss im Alltag ankommen. Und das bedeutet, dass wir mit allen Menschen arbeiten, die den Alltag von Kindern gestalten und nicht nur mit den Kindern selbst. Konkret heißt das: Wir entwickeln Materialien für Kitas und Schulen, wie KLASSE KLASSE, KLASSE KITA oder KLASSE LERNORT. Aber das ist nur ein Baustein. Genauso wichtig ist uns die Elternarbeit. Viele Herausforderungen, ob es um Ernährung, Mediennutzung oder Stressregulation geht, lassen sich nicht im Klassenzimmer allein lösen. Deshalb setzen wir auf Austauschformate mit Eltern, geben ihnen niedrigschwellige Impulse mit nach Hause oder schaffen durch unsere Netzwerke Orte, wo sie unkompliziert Unterstützung bekommen. Ein zentraler Bereich ist dabei unser Familiennetzwerk in Bad Nauheim, das KIKS UP Familie.net. Hier arbeiten über 50 Einrichtungen zusammen: von der Erziehungsberatung über Sportvereine bis hin zur Verbraucherzentrale. Wir arbeiten in dem Netzwerk sehr eng miteinander und sind im regelmäßigen Austausch. Das heißt, wenn eine Schule einen Fall meldet oder Unterstützung benötigt, gibt es direkte Wege – ohne lange Anträge oder Wartelisten. Das stärkt Vertrauen und entlastet auch Fachkräfte. Außerdem haben wir mit der KIKS UP Akademie einen Bereich geschaffen, in dem wir unsere Inhalte weitergeben: an pädagogische Fachkräfte, Kommunen oder Träger, die unseren ganzheitlichen Ansatz übernehmen möchten. Wir bieten Fortbildungen, Beratungen und Coachings an, oft in Kooperation mit Städten, Jugendämtern oder Stiftungen. Dabei geht es nicht nur um die Anwendung unserer Materialien, sondern auch um Haltung: Wie denken wir über Kinder? Was brauchen sie, um gesund aufzuwachsen? Wie können Strukturen angepasst werden, auch wenn das System Schule sich nur langsam verändert? Und natürlich wollen wir auch fachlich im Austausch bleiben. Deshalb haben wir letztes Jahr einen Fachtag veranstaltet. Dort haben wir uns mit den Themen Gewaltprävention, Gesundheitsförderung oder sozialräumlicher Zusammenarbeit beschäftigt. Diese Formate sind uns wichtig, weil sie Raum bieten, voneinander zu lernen, Fragen zu diskutieren und die Praxis weiterzuentwickeln. Es geht darum, gemeinsam neue Wege zu finden – für eine Präventionsarbeit, die wirklich die Kinder unterstützt und begleitet.  

Das klingt nach einer beeindruckend vielschichtigen und umfangreichen Arbeit. Was würdet ihr euch wünschen, um diese weiterführen oder zu vertiefen? Und was braucht es aus eurer Sicht auf struktureller Ebene, damit Gewaltprävention langfristig gelingen kann?  

Claudia Rochell: Ganz klar: Langfristigkeit. Viele gute Programme scheitern nicht am Inhalt, sondern an der Finanzierung. Wir haben das Glück, dass die Stadt Bad Nauheim uns dauerhaft unterstützt, das ist Gold wert. Aber vor allem im sozialen und präventiven Bereich eher die Ausnahme als die Regel. Darüber hinaus wünschen wir uns Plattformen, die fachlichen Austausch ermöglichen. Netzwerke wie MOBILEE sind da ein guter Anfang. Wir brauchen Räume, in denen Praxis, Forschung und Politik gemeinsam denken – nicht nur loben, sondern auch kritisch schauen: Was wirkt wirklich? Was bleibt im Alltag übrig? Und wir brauchen eine Haltung in der Gesellschaft, die Prävention nicht als Kür sieht, sondern als Pflicht. Als Grundlage für gelingendes Aufwachsen.

Was wir aus dem Interview mitnehmen:

1. Prävention beginnt im Alltag und nicht im Ausnahmezustand
KIKS UP versteht Gewaltprävention nicht als Sonderthema, sondern als festen Bestandteil des pädagogischen Alltags. Sie beginnt mit Mikroerfahrungen im Miteinander und wird durch regelmäßige, niedrigschwellige Impulse nachhaltig verankert.

2. Bewegung als Zugang zu Beziehung und Regulation
Bewegung bei KIKS UP ist mehr als Sport. Bewegung schafft Begegnung, fördert emotionale Kompetenzen und stärkt soziale Prozesse. Durch kooperative Spiele wird Selbstregulation gefördert und Gruppenzusammenhalt gestärkt – immer mit dem Fokus auf das Miteinander, nicht die Einzelleistung. 

3. Multiplikator:innen stärken – Strukturen nachhaltig verändern
KIKS UP stärkt gezielt die Menschen, die Kinder täglich begleiten. Lehrkräfte, Erzieher:innen und Betreuungspersonal erhalten Materialien, Know-how und Haltungsimpulse – ein wichtiger Ansatz angesichts knapper Ressourcen im Bildungssystem. 

4. Ganzheitlichkeit braucht Netzwerke
KIKS UP stärkt gezielt die Menschen, die Kinder täglich begleiten. Lehrkräfte, Erzieher:innen und Betreuungspersonal erhalten Materialien, Know-how und Haltungsimpulse – ein wichtiger Ansatz angesichts knapper Ressourcen im Bildungssystem. 

5. Prävention braucht Haltung und langfristige Unterstützung
Inhalte allein reichen nicht, was wirklich wirkt, ist Haltung und strukturelle Verlässlichkeit. KIKS UP wünscht sich mehr Plattformen für fachlichen Dialog sowie eine gesamtgesellschaftliche Anerkennung von Präventionsarbeit als essenziellen Bestandteil von Bildung und Kinderschutz.

Leonie Endewardt ist Sozialarbeiterin und leidenschaftliche Sportlerin mit langjähriger Vereinserfahrung. Seit 2022 ist sie bei MOBILEE für die Bereiche Veranstaltungen, Positionspapier und interne Organisation zuständig und steht im engen Austausch mit dem Netzwerk, um vor allem Bedarfe aus der Praxis aufzunehmen. 

Ein besonderer Fokus ihrer Arbeit liegt auf der Gewaltprävention im Bereich „Soziale Arbeit mit Sport und Bewegung“, zu dem sie auch ihre Bachelorarbeit verfasste. In diesem Rahmen verantwortet sie die Gewaltpräventionsreihe im MOBILEE MAGAZIN.

Ihre Arbeit würde gut zu unserer Gewaltpräventionsreihe passen?

Dann melden Sie sich gerne bei mir: leonie.endewardt@mobilee-plattform.de

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